Pflanzen des Karlsgartens: Kurzbeschreibung

Karl der Grosse hat im Capitulare de villis vel curtis imperii die folgenden 89 Pflanzenarten aufgeführt. Wenn immer möglich, sollten sie in allen Landgütern seines grossen Reichs angebaut werden.

Die Nummerierung entspricht der Reihenfolge, in der Karl der Grosse die Pflanzen aufgelistet hat. Dann folgt jeweils die lateinische Bezeichnung der Pflanze, die er verwendet hat. Weil diese Bezeichnung aus heutiger Sicht nicht immer eindeutig einer Pflanze zugeordnet werden kann, sind teilweise zwei Pflanzen (Ziffern a und b) aufgeführt.

Quellennachweis

Nr. 1: lilium - Madonnenlilie (Lilium candidum)

Die Madonnenlilie mit ihren majestätischen, weissen, trompetenförmigen Blüten gilt seit dem Altertum als Symbol der Reinheit und Unschuld, in christlicher Deutung als Symbol der Keuschheit.

Die Madonnenlilie ist eine Kulturpflanze, ihre wilden Verwandten sind der Türkenbund und die Feuerlilie. Die Zwiebeln verschiedener Lilienarten sind essbar. Unsere Madonnenlilien sind im Winter vermutlich von den Mäusen verspiesen worden ... In der Volksmedizin wird der frische, schleimige und adstringierende Saft in Salben und Tinkturen verarbeitet, zur Heilung entzündeter oder rissiger Haut.

Madonnenlilie Zwiebel

Nr. 2: rosas - Hundsrose (Rosa canina)

Die Hundsrose oder Heckenrose ist eine der häufigsten Wildrosen-Arten bei uns. Freistehend entwickelt sie sich zu einem bis 3 m hohen, rundlichen Busch mit überhängenden Ästen. Die Rose ist seit mehreren tausend Jahren eine wichtige Symbolpflanze, u.a. für Schönheit, Liebe, Tod und Vergänglichkeit. In ihr zeigen sich die Widersprüche des Lebens, sie bedeutet Liebe und Leid, sie vereint in sich die sanften Blumen und spitzen Stacheln.

Aus den Blüten kann Rosenwasser oder -saft hergestellt werden, in eingezuckerter Form werdenn sie haltbar gemacht. Das kostbare ätherische Öl wird zu wundheilenden Salben und in Parfums verarbeitet. Die Früchte (Hagebutten) werden zu Mus, Konfitüre oder in Tees verwendet. Weil sie sehr viel Vitamin C enthalten, wirken sie vorbeugend gegen Erkältungskrankheiten.

Hundsrose

Nr. 3: fenigrecum - Griechisch Heu, Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum)

Der Bockshornklee erhielt seinen deutschen Namen von der Form seiner Hülsen, vielleicht auch von der buckligen Form der Samen. Griechisch Heu nennt man ihn, weil er schon im alten Griechenland als Futterpflanze diente.

Die Pflanzen haben einen starken, an Curry erinnernden Geruch - die Blätter und die gerösteten Samen werden in Indien auch zu Currygerichten und für Currypulver verwendet. Sie sind sehr nahrhaft und enthalten viele Schleimstoffe. Aufgrund ihrer blutzucker- und cholesterinsenkenden Wirkung sind gemahlene Samen hilfreich bei Diabetes mellitus. Äusserlich werden sie auch als Paste bei Ekzemen oder Geschwüren eingesetzt.

Bockshornklee Schoten

Nr. 4: costum - Frauenminze, Balsamkraut (Tanacetum balsamita)

Die Frauenminze ist eine robuste, horstbildende Staude mit bläulichen, lederartigen Blättern. Die unscheinbaren Blüten erscheinen erst im späten Sommer. Ihre deutschen Namen hat sie aufgrund ihres starken Geruchs nach Minzen und Kampfer erhalten: Im Mittelalter wurden viele wohlriechende Pflanzen "Balsamkraut" genannt, alle würzig riechenden Pflanzen mit einfachen Blättern "Minzen".

Heute wird die Frauenminze wegen ihres aromatischen Geruchs in Duftsträussen geschätzt. Die Blätter können auch zum Würzen von fettem Fleisch oder als aromatisierender Zusatz in der Likörherstellung verwendet werden.

Frauenminze

Nr. 5: salviam - Gartensalbei (Salvia officinalis)

Der Gartensalbei ist ein aus dem Mittelmeergebiet stammender Halbstrauch, der bei uns nicht wild vorkommt. Die grau-filzigen Blätter duften charakteristisch. Der lateinische Namen "salvare" bedeutet "heilen", denn bereits im Mittelalter wurde seine grosse Heilkraft geschätzt.

Heute werden die Blätter einerseits als Würzpflanze verwendet (z.B. für Saltimbocca oder ausgebackene "Müslichüechli"). Andererseits als vielseitige Heilpflanze, z.B. bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (Salbeibonbons, Gurgellösungen) oder im Klimakterium bei übermässigem Schwitzen (als Tee).

Garten-Salbei

Nr. 6: rutam - Weinraute (Ruta graveolens)

Die ebenfalls aus dem Mittelmeergebiet stammende Weinraute besitzt graugrüne, gefiederte Blätter und riecht streng aromatisch. Sie wurde bereits von den Römern als Gewürz- und Heilpflanze genutzt.

Für die Raupen des Schwalbenschwanzes ist sie äusserst attraktiv, auf viele Pflanzenschädlinge hingegen hat sie eine abschreckende Wirkung. Deshalb wurde die Weinraute bereits im Altertum als dekorative und nützliche Gartenpflanze angebaut. Im Mittelalter war sie ein Bestandteil des bekannten "Vierräuberessigs" (Mittel gegen die Pest). Heute nutzt man ihre verdauungsfördernde Wirkung im italienischen Grappa sowie in Likören.

Weinraute

Nr. 7: abrotanum - Eberraute (Artemisia abrotanum)

Die Eberraute wird manchmal auch "Colakraut" genannt, aufgrund ihres durchdringend aromatischen Dufts (leicht nach Zitrone, mit etwas Phantasie "Cola-ähnlich"). Sie ist mit dem Wermut und dem Beifuss verwandt und wird wie diese zum Würzen von fettem Fleisch, d.h. als verdauungsförderndes Gewürz verwendet.

In Deutschland wurde sie früher ins Kirchen-Gesangbuch gelegt, um sich während der Predigt an ihrem Duft zu laben. In Frankreich hingegen hängte man kleine Eberrautensträusse in die Schränke, um Flöhe und Motten zu vertreiben. Sie wird deshalb heute auf französisch manchmal "garderobe" genannt.

Eberraute

Nr. 8: cucumeres - Gurke (Cucumis sativum)

Die wärmeliebende Gurke ist eine bekannte Salat- und Gemüsepflanze. Unter der Bezeichnung "cucumeres" wurden früher aber verschiedene Kürbisgewächse zusammengefasst, so dass nicht klar ist, ob Karl der Grosse wirklich die Gurke meinte. Auch wenn sie in der griechisch-römischen Antike schon kultiviert wurde.

Bei den heutigen Sorten wird darauf geachtet, dass sie wenig Bitterstoffe enthalten. Die Samen der Gurken und der verwandten Melonen und Kürbisse werden auch medizinisch verwendet (bei Prostatabeschwerden). In der Kosmetik nutzt man Gurken aufgrund ihrer Wasserbindungsfähigkeit in Kosmetika und für "Gurkenmasken".

Gurken

Nr. 9: pepones - Zuckermelone (Cucumis melo)

Noch wärmeliebender als die Gurke ist die Zuckermelone. Im 2017 war der Sommer auch bei uns so warm, dass die Pflanzen selbst im Freiland schöne und saftige Früchte hervorbrachten. Hier ist die robuste Sorte "Petit Gris de Rennes" zu sehen, die auch unter weniger warmen Bedingungen ausreift.

Melonen werden heute vor allem als Dessertfrüchte genossen. In Afrika werden die Samen auch zur Ölgewinnung und als Mehl verwendet.

Zuckermelone

Nr. 10: cucurbitas - Flaschenkürbis (Cucurbita lagenaria, Lagenaria siceraria)

Der Flaschenkürbis wird auch Kalebasse genannt. Er wächst mit meterlangen Ranken an Zäunen und an anderen Pflanzen empor. Die imposanten Früchte können je nach Sorte bis zu 1 m lang werden. Bei den Flaschenkürbissen, die im 2017 im Karlsgarten in Mettendorf wuchsen, handelte es sich leider um bittere Sorten, diese können nicht gegessen werden.

Im Mittelalter wurden Bezeichnungen wie pepo, melo, melopepo und citrullus für verschiedene Kürbisgewächse (auch für Gurken) verwendet. Deshalb sind die drei Bezeichnungen cucumeres, pepones und cucurbitas im Capitulare de villis (800 n. Chr.) erstaunlich. Denn der echte Kürbis (Cucurbita pepo), der heute angebaut wird, war in Europa erst nach der Entdeckung Amerikas, d.h. nach 1500 n. Chr. bekannt.

Flaschenkürbis

Nr. 11a: fasiolum - Schlangenbohne, Kuhbohne, Spargelbohne (Vigna unguiculata)

Die Kuhbohne stammt als alte Kulturpflanze vermutlich aus Afrika. Heute wird sie in den gesamten Tropen und Subtropen in vielen Sorten angebaut.

Die hier angepflanzte Sorte (Spargelbohne) wächst wie Stangenbohnen bis 2.5 m in die Höhe. Aus den lila Blüten entwickeln sich bis 90 cm lange, schmale Hülsen, die im jungen Zustand wie Gartenbohnen gekocht werden können und angenehm mild schmecken. Die Samen der ausgereiften Früchte sind köstlich in einem Bohneneintopf. In Asien werden sie auch als Keimsprossen genutzt.

Schlangenbohne

Nr. 11b: fasiolum - Helmbohne (Dolichos lablab)

Die Helmbohne stammt vermutlich aus Indien. Sie wächst mit bis zu 6 m langen Trieben schlingend und kletternd in die Höhe. Und wenn im November bei uns nicht die Kälte käme, würde sie bestimmt immer weiter wachsen ...

Charakteristisch an der Helmbohne sind die violetten, schiffchenförmigen, flachen Hülsen. Die Samen im Innern sind im ausgereiften Zustand tiefschwarz, mit einem weissen Nabel, der die Samen helmartig überzieht. Dieser hat der Bohne vermutlich ihren deutschen Namen gegeben. Nach ausreichender Einweichzeit lassen sie sich hervorragend zu Bohnengerichten verwenden.

Helmbohne

Nr. 12: ciminum - Kreuzkümmel (Cuminum cyminum)

Der Kreuzkümmel ist mit dem bei uns heimischen Wiesenkümmel verwandt, stammt aber aus dem nördlichen Afrika. Er wächst in unserem Klima nur kümmerlich und kommt oft nicht zum Blühen. Im 2017 haben wir es nicht geschafft, ihn im Karlsgarten anzuziehen. Im Osten spielt der Kreuzkümmel als Gewürz eine wichtige Rolle, er ist ein wesentlicher Bestandteil von Curry-Mischungen.

Als Heilpflanze kann der Kreuzkümmel gleich wie unser Wiesenkümmel verwendet werden, bei Blähungen und Völlegefühl. Deshalb übertrug man im Mittelalter den Namen "Kümmel" auf die bei uns heimische Pflanze. Interessanterweise werden aber im Capitulare de villis beide Kümmelarten aufgeführt: ciminum (Nr. 12) und careium (Nr. 14).

Nr. 13: ros marinum - Rosmarin (Rosmarinus officinalis)

Der Rosmarin ist ein bis 1 Meter hoher Kleinstrauch aus dem Mittelmeergebiet, der in unserem Klima nicht vollständig winterhart ist. Seine zart blauen Blüten erscheinen im Frühling an immer neuen Kurztrieben. Wir halten ihn in den frostigen Monaten im ungeheizten Gewächshaus, dort blüht er dann bereits im Winter.

Schon seit dem Altertum wird Rosmarin als Gewürz- und Heilpflanze genutzt. Im Karlsgarten gehört er zusammen mit dem Kümmel und dem Kreuzkümmel zur Gruppe der verdauungsfördernden Kräuter. In der modernen Pflanzenheilkunde hat er dank seiner blutdrucksteigernden und kreislaufstimulierenden Wirkung eine wichtige Stellung. Als Küchengewürz für mediterrane Gerichte sollte er aufgrund seines intensiven Aromas sparsam eingesetzt werden.

Rosmarin

Nr. 14: careium - Kümmel (Carum carvi)

Als "Wiesenkümmel" findet man den Kümmel bei uns häufig auf Wiesen und Weiden in mittleren und höheren Lagen. Seine Früchte sehen ähnlich aus wie die des Kreuzkümmels (Nr. 12), schmecken aber ganz anders. Beide machen schwerverdauliche Speisen wie Fleisch- und Kohlgerichte bekömmlicher, sind aber in unterschiedlichen Gebieten heimisch: Kreuzkümmel im südlichen Europa, Wiesenkümmel im nördlichen Europa.

Kümmelsamen (auf dem Foto noch unreif) enthalten viele ätherische Öle und werden heute in der Pflanzenheilkunde bei Verdauungsbeschwerden mit Blähungen und Völlegefühl eingesetzt, auch bei Säuglingen. Dieselbe aber etwas schwächere Wirkung entfalten auch Fenchel- (Nr. 36) und Anis-Samen (Nr. 19).

Kuemmel

Nr. 15: cicerum italicum - Kichererbse (Cicer arietinum)

Die Kichererbse ist eine wichtige Nutzpflanze des Mittelmeerraums und der Subtropen, die sehr trockenheitsresistent ist. Der Zusatz "italicum" im Capitulare de villis weist auf seine südliche Herkunft hin. Kichererbsen wachsen etwa 1/2 m hoch und buschig aufrecht. Die rundlichen Hülsen enthalten meist 2 grosse Samen, die in unserem Klima jedoch nicht ganz ausreifen.

Heute werden Kichererbsen in mehreren Formen angebaut: Formen mit schwarzen Samen (vulgare) werden hauptsächlich als Futterpflanzen genutzt, Formen mit grossen schwarzen Samen (macrocarpa) geröstet als Kaffee-Ersatz. Die im Detailhandel erhältlichen gelblichen Samen (album) ergeben nach ausreichender Einweich- und Kochzeit ein aromatisches, nussig schmeckendes Erbsengericht. In südlichen Ländern werden daraus verschiedene Nationalgerichte zubereitet.

Kichererbsen

Nr. 16: squillam - Meerzwiebel (Urginea maritima)

Die Meerzwiebel ist ein Liliengewächs, das früher zur Gattung Scilla gezählt wurde. Deshalb wird sie in älteren Büchern unter dem Namen Scilla maritima aufgeführt, im Capitulare de villis hat sie den Namen squillam. Sie stammt aus den trockenen Gebieten Afrikas, wo sie mit ihrer Zwiebel die sommerliche Trockenheit überstehen kann. Die Zwiebel ist je nach Form weiss oder rot. Aus ihr entwickelt sich eine Blattrosette und ein aufrechter Blütenschaft mit weissen Blüten. Sie ist auch bei uns ziemlich frosthart, wird aber im Winter besser im Topf im kühlen Gewächshaus gehalten.

Die Zwiebel wurde schon im Altertum arzneilich verwendet. Sie enthält herzwirksame Glykoside und wird heute noch in standardisierten Präparaten eingesetzt, bei leichter Herzinsuffizienz und bei eingeschränkter Nierenfunktion. Einer ihrer Inhaltsstoffe wirkt bei Nagetieren als Nervengift. Deshalb wurden Meerzwiebeln lange Zeit für die Herstellung von Rattengift verwendet.

Nr. 17a: gladiolum - Deutsche Schwertlilie (Iris germanica)

Die deutsche Schwertlilie ist der Prototyp einer Iris. Sie stammt aus dem Mittelmeergebiet und ist bei uns v.a. als Zierpflanze bekannt. Sie besitzt einen kräftigen Wurzelstock, aus dem sich schwertförmige, zweizeilig angeordnete Blätter und die charakteristischen, blauen Blüten entwickeln. Schwertlilien werden heute in vielen verschiedenen Formen und Farben gezüchtet.

Bei den Griechen waren Schwertlilien die Pflanzen der Götterbotin Iris, welche die Seelen der Verstorbenen entlang des Regenbogens ins Land des ewigen Friedens geleitete. Dioskuroides rühmte in seinem Kräuterbuch die Heilkraft der "Violwurz", weshalb sie vermutlich auch von Karl dem Grossen in seine Pflanzenliste aufgenommen wurde. Die Schwertlilie wird auch heute noch "Veilchenwurzel" genannt, weil die in feine Scheiben geschnittenen und getrockneten Wurzelsprosse mit zunehmendem Alter einen feinen Veilchenduft verströmen. Volksmedizinisch werden sie in Hustentees verwendet, in der Parfümindustrie zum Binden von Aromen (Fixativ), das ätherische Öl auch als Zusatz zu Likören.

Nr. 17b: gladiolum - Gladiole, Siegwurz (Gladiolus italicus)

Zur Gattung Gladiolus gehören rund 150 Arten mit knolligen Wurzelstöcken und schwertförmigen Blättern. Sie sind mit den Irisgewächsen verwandt. Neben den kleineren Wildsorten findet man heute in den Gärten viele verschiedene Zuchtformen von Gladiolen (s. Foto). In älteren Schriften wurden die verschiedenen Gladiolenarten meist nicht unterschieden. Im Capitulare de villis dürfte die Wildform Gladiulus italicus gemeint sein, die im Mittelmeerraum verbreitet ist.

Früher wurde der Wurzelstock der Siegwurz so zurecht geschnitzt, dass er der echten Alraune ähnlich sah. Sie wurde von Kriegern als Talisman um den Hals getragen, um unbesiegbar zu sein. Daher hat sie den Namen "Siegwurz" erhalten. Blätter und Wurzeln wurden früher aufgrund ihrer ätherischen Öle und ihres Vitamin-C-Gehalts gegen eine Hauterkrankung (Skrofulose) und als Wundmittel bei Tieren eingesetzt. Heute verwendet man Gladiolen nur noch als Zierstauden. Über den Winter sollten die Knollen bei uns ausgegraben und im Keller trocken gelagert werden.

Schlangenknoeterich

Nr. 18a: dragantea - Schlangenknöterich (Polygonum bistorta)

Die Namen "Schlangenknöterich", "Schlangenwurz" und lat. "bistorta" beziehen sich auf den dicken, schlangenartig gewundenen Wurzelstock der Pflanze. Aus diesem entspringen weit kriechende Ausläufer, die für die nestartige Ausbreitung der Pflanze sorgen. Im Karlsgarten wird sie durch eine Wurzelsperre an einer übermässigen Ausbreitung gehindert.

Die Wurzel wurde sowohl von den antiken und mittelalterlichen Kräuterkundigen wie auch von den nordamerikanischen Indianerstämmen früher gleich verwendet: Zur Behandlung von inneren und äusseren Blutungen, bei Verletzungen und Vergiftungen. Heute bringt man diese Heilwirkung mit den Inhaltsstoffen der Schlangenwurzeln in Verbindung: Sie enthalten viele Gerbstoffe, daneben Stärke und Vitamin C. Gerbstoffpflanzen werden auch heute erfolgreich bei Entzündungen von Haut und Schleimhäuten sowie bei Durchfall angewendet.

Schlangenknoeterich

Nr. 18b: dragantea - Estragon (Artemisia dracunculus)

Estragon ist eine bekannte Gewürzpflanze, von der es zwei Sorten gibt: Der robustere russische Estragon und der etwas kälteempfindlichere, zierlichere aber geschmacklich wesentlich bessere französische Estragon. Die schmalen Blätter und kleinen Blütenköpfchen duften schwach aromatisch. Das intensivste Aroma entwickeln die Pflanzen im Spätsommer.

Gemäss Berichten würzten schon die Chinesen um 2000 v. Chr. ihre Speisen mit Estragon. Später wurde die Pflanze nach Europa gebracht. Aufgrund eines falsch verstandenen Namens (aus "tarcon" wurde "drago") meinte man früher, dass das Kraut Drachen und Schlangen vertreibt. Aus dem französischen Küchenkraut "herbe au dragon" wurde der heutige Namen "Estragon". Heute noch ist es das klassische Würzkraut der französischen Küche, es ist Bestandteil der berühmten "fines herbes", neben Kerbel, Petersilie und Schnittlauch. Estragon eignet sich nicht zum Trocknen, deshalb wird das Kraut oft in Kräuteressig angesetzt.

Estragon

Nr. 19: anesum - Anis (Pimpinella anisum)

Anis ist eine einjährige Pflanze aus dem Mittelmeerraum. Seine Blätter sind vielgestaltig: die unteren sind fast rund und ungeteilt, weiter oben zunehmend feiner geteilt. Darüber sitzen die typischen weissen Doldenblüten, aus denen im Herbst die zweispaltigen Früchte heranreifen. Der charakteristische würzig-süssliche Geschmack, den Sie bestimmt von den Anisguezli her kennen (z.B. Chräbeli), entwickelt sich erst richtig bei der Lagerung.

Schon die Ägypter kannten Anis als Gewürz- und Heilpflanze. Er war auch Bestandteil des griechischen Wundergetränks "Theriak", das bei fast allen Krankheiten helfen sollte. Heute werden einige Liköre mit Anis hergestellt (z.B. Pastis, Pernod). In der modernen Phytotherapie setzt man gequetschte Anissamen ähnlich wie Kümmel- und Fenchelsamen ein. Dabei steht der Anis bezüglich Wirkung stets "an zweiter Stelle", wird wegen seines guten Geschmacks aber gerne beigemischt: Bei krampfartigen Verdauungsstörungen mit Blähungen sowie bei Entzündungen der oberen Atemwege mit Husten.

Anis

Nr. 20a: coloquentidas - Koloquinthe (Citrullus colocynthis)

Die Koloquinthe wächst als mehrjährige Pflanze wild in dürren Steppen im Mittelmeergebiet sowie in Gebieten Asiens. Bei uns kann sie wie die meisten Kürbisgewächse nur als einjährige Pflanze kultiviert werden.

Die runden, grünen, orangengrossen Früchte reifen meist nur im Gewächshaus heran. Die lederartige Rinde umschliesst ein widerlich bitteres Fruchtfleisch, das der Pflanze ihren Namen gegeben hat. colocynthis ist zusammengesetzt aus colon = Eingeweide und kineein = bewegen, was zusammengesetzt die Wirkung der Frucht beschreibt: Sie ist ein drastisches Abführmittel, das in grösseren Mengen zu Entzündungen des Verdauungskanals und zu Koliken führen kann.

Koloquinthe

Nr. 20b: coloquentidas - Weisse Zaunrübe (Bryonia alba)

Mit coloquentidas war im Capitulare de villis vielleicht nicht die Koloquinthe, sondern die ebenfalls giftige Zaunrübe gemeint. Sowohl der Name Zaunrübe wie auch der aus dem Griechischen stammende Namen Bryonia (= Kletterpflanze) deuten auf die 2-3 m hoch kletternden Ranken dieses ausdauernden Kürbisgewächses hin. Die etwa 1 cm grossen Beeren der zweihäusigen Zaunrübe (Bryonia dioica) sind im reifen Zustand rot, diejenigen der hier abgebildeten weissen Zaunrübe hingegen (Bryonia alba) sind schwarz. Sie sind wie die ganze Pflanze stark giftig!

Die Wurzeln wurden früher wie die Koloquinthenfrüchte als drastisches Abführmittel eingesetzt. Denn im Mittelalter waren die Ärzte der Auffassung, dass jeder Körper vor einer Behandlung gereinigt, d.h. purgiert werden müsse. Heute wird aus der Zaunrübe ein homöopathisches Mittel bereitet. Spezielle Extrakte werden auch in einigen Fertigarzneimitteln verwendet.

Zaunruebe

 

Fortsetzung folgt.